Quo vadis Schweiz
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Neutralität

Die Neutralität ist historisch gewachsen und rechtlich umrissen, ihre Auslegung aber umstritten. Wir stellen die Rechtsgrundlagen neben die aktuelle Praxis, damit die Debatte auf Fakten aufbaut.

Beitrag 01

Ausverkauf der Schweizer Neutralität

Nach der Argumentation von Dr. Philipp Gut, Journalist, Buchautor und Historiker

Kurzfassung

Seit dem Ukrainekrieg steht die schweizerische Neutralität so stark unter Druck wie seit Jahrzehnten nicht mehr — von aussen wie von innen, und längst nicht nur von linker Seite. Die Kritik speist sich weniger aus rechtlichen Argumenten als aus einem moralisch aufgeladenen Blockdenken, das den Kern der Neutralitätsidee verfehlt: Ihr Nutzen entsteht gerade aus der Distanz zu allen Konfliktparteien. Neutral zu sein heisst dabei nicht, gesinnungsneutral zu sein. Historisch hat sich die immerwährende, bewaffnete Neutralität für die Schweiz und für Dritte bewährt — als Grundlage von Frieden, Stabilität und Guten Diensten.

Der Text zu diesem Kapitel

Worum es in dem Text geht, auf dem die folgende Darstellung beruht:

  1. Ausverkauf der Schweizer Neutralität

    Dr. Philipp Gut, Journalist, Buchautor und Historiker

    Der Text hinter diesem Kapitel. Er verfolgt die Erosion der neutralen Position seit Beginn des Ukrainekriegs — von der Eins-zu-eins-Übernahme der EU-Sanktionen über die Videoansprache im Parlament bis zur angestrebten Annäherung an die Nato — und arbeitet heraus, dass die Kritik an der Neutralität weniger rechtlich als moralisch begründet ist. Dem stellt er zwei Dinge gegenüber: die Unterscheidung zwischen politisch-juristischer und gesinnungsmässiger Neutralität sowie die historische Linie von Marignano über den Westfälischen Frieden bis zum Wiener Kongress, in der die immerwährende bewaffnete Neutralität zur völkerrechtlichen Verpflichtung wurde.

Eine Erosion in schwindelerregendem Tempo

Die Neutralität gehört zu den tragenden Staatssäulen der Schweiz. Doch die Voten und Vorstösse gegen sie haben sich in jüngster Zeit auffällig gehäuft. Im Zuge des Ukrainekriegs setzte eine Erosion der neutralen Position ein, die schon zu Kriegsbeginn ausserordentlich schnell voranschritt.

Bemerkenswert ist die Breite dieser Bewegung: Nicht nur die politische Linke, auch die Präsidenten der bürgerlichen Parteien FDP und Mitte, Thierry Burkart und Gerhard Pfister, sprachen sich öffentlich für eine Parteinahme zugunsten der Ukraine aus — bis hin zur Forderung indirekter Waffen- und Munitionslieferungen an Kiew.

Der Bundesrat übernahm die Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland eins zu eins. Im Ausland entstand dadurch der Eindruck, die Schweiz habe sich vom Leitkonzept der Neutralität verabschiedet. Die offizielle Schweiz dementierte zwar — der Schaden war jedoch angerichtet, denn Sein ist immer auch Wahrgenommen-Sein.

Die Signale danach zeigten in dieselbe Richtung. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj konnte sich in einer direkt ins Bundeshaus übertragenen Videobotschaft an das Parlament wenden — ein Vorgang mit historischem Seltenheitswert. An der Friedenskonferenz auf dem Bürgenstock fehlte mit Russland eine der beiden Kriegsparteien; Moskau hatte die Veranstaltung im Vorfeld kritisiert und mehrfach betont, es betrachte die Schweiz nicht mehr als neutral.

Anschluss an EU und Nato

Ins selbe Bild passt, dass eine Annäherung an die Nato angestrebt wird und dafür Unterstützung von verschiedener Seite erfährt. Selbst alt Bundesrat Kaspar Villiger — beileibe kein linker Armeeabschaffer — hält fest, ein Staat wie die Schweiz könne sich heute nicht mehr autonom verteidigen, und sieht als einzige Option den Anschluss an ein Bündnis.

Die Motivlagen derjenigen, die an der Neutralität sägen, sind dabei durchaus verschieden. Manchen ist sie ein Dorn im Auge, weil sie den Sonderfall Schweiz festigt und damit dem Ziel im Weg steht, das Land zu internationalisieren und in supranationalen Gebilden aufgehen zu lassen. Der Historiker Jakob Tanner, Mitglied der Bergier-Kommission, formulierte das 1999 entwaffnend offen: Man solle die Neutralität sein lassen, der Uno und der EU beitreten und dann schauen, was von ihr übrig bleibe. Bis heute bezeichnet er sie als «Anachronismus».

Auch die Suche der Berner Elite nach dem Anschluss an Brüssel gehört in dieses Bild. Die flackernde Anti-Neutralitäts-Stimmung seit dem Ukrainekrieg lässt sich damit allein aber nicht erklären.

Moralismus als eigentlicher Antrieb

Hinzu kommt eine Gefühlsaufwallung angesichts des Schocks, dass in Europa wieder ein brutaler heisser Krieg wütet. Reflexartig — daher auch die rasende Geschwindigkeit des Ganzen — stellte man sich auf die Seite des Angegriffenen, in der Überzeugung, damit für das Richtige einzustehen.

So betrachtet gerät die Neutralität automatisch unter Rechtfertigungszwang. Sie steht im Verdacht, gemeinsame Sache mit dem «Bösen» zu machen. Wer auf ihr beharrt, erscheint in dieser Optik als hartherziger Gewinnmaximierer, als «Putin-Versteher», als einer, der riskiert, auf der falschen Seite der Geschichte zu landen. Die empörte Belehrungsrhetorik aus dem Ausland zeigt, wie wenig Verständnis dort für eine neutrale Haltung besteht.

Genau hier beginnt ein grundlegendes Missverständnis. Das missionarisch aufgeladene Blockdenken — hier die westliche Einheitsfront, dort die Barbarenhorden aus dem Osten, die man mit der Neutralität indirekt unterstütze — verkennt den Kern der Neutralitätsidee. Ihren Wert zieht sie gerade daraus, dass sie über den Fronten steht: «au-dessus de la mêlée», wie es der französische Schriftsteller Romain Rolland im Ersten Weltkrieg formulierte.

Edgar Bonjour, Autor des sechsbändigen Standardwerks zur Geschichte der Schweizer Neutralität, hat beschrieben, wie diese immer wieder angeblich «höheren Gesichtspunkten» geopfert wurde. Erst aus dem Verzicht darauf, erst aus der nüchternen Äquidistanz zu allen kann sie ihre spezifische Wirksamkeit entfalten.

Neutral heisst nicht gesinnungsneutral

Die Fundamentalkritiker verfehlen in ihrem moralistischen Furor eine unverzichtbare Unterscheidung: Politisch, juristisch und völkerrechtlich neutral zu sein heisst nicht, auch gesinnungsneutral sein zu müssen. Jeder Bürger darf sein Urteil haben, die Gedanken und die Worte sind frei.

Im Zweiten Weltkrieg war für die ganze Welt offenkundig, wo die Sympathien der Schweizer Bevölkerung lagen — auch Adolf Hitler registrierte das genervt genug. Mit der «Geistigen Landesverteidigung» wurde die Abwehr des Nationalsozialismus zu einer umfassenden Lebensaufgabe.

Wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, dann war es der Empfang, den Schweizerinnen und Schweizer dem britischen Kriegspremier und Hitler-Widersacher Winston Churchill im September 1946 bereiteten, als er an der Universität Zürich seine berühmte Rede zum Aufbau eines neuen, friedlichen Europa hielt.

Die Neutralität als politisch-juristische Kategorie bezieht ihre Legitimität gerade nicht aus Zustimmung oder Ablehnung. Sie immunisiert sich dagegen — nicht aus Gefühllosigkeit, sondern aus verantwortungsethischer Weitsicht, die nicht den Moralinhaushalt, sondern die Folgen einer Haltung ins Zentrum stellt.

Von Marignano bis zum Wiener Kongress

Der Wert der Neutralität für die Schweiz ist über Jahrhunderte gewachsen, immer im Wechselspiel mit den europäischen Mächten — und immer auch über deftige Niederlagen und schmerzhafte Lernprozesse. 1515 wurden die grossmachtsüchtigen Eidgenossen bei Marignano vernichtend geschlagen; der Rat von Bruder Klaus, den Zaun nicht zu weit zu stecken und sich nicht in fremde Händel zu mischen, schien Recht zu bekommen.

Nach dem Dreissigjährigen Krieg war es im Westfälischen Frieden dem Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein und seinem diplomatischen Geschick zu verdanken, dass die Schweiz gegen grosse innere und äussere Widerstände die formelle Unabhängigkeit vom Deutschen Reich erkämpfte.

Auf dem Wiener Kongress und im Vertrag von Paris vom 20. November 1815 — dreihundert Jahre nach Marignano — anerkannten die europäischen Grossmächte schliesslich die immerwährende Neutralität der Schweiz und garantierten die Unverletzlichkeit ihres Territoriums. Auch das wird von den Gegnern der Neutralität gern vergessen: Sie ist kein Wunschkonzert, sondern eine völkerrechtliche Verpflichtung mit einer Aufgabe innerhalb der europäischen Sicherheitsarchitektur.

Das Gegenstück zur Garantie der Unverletzlichkeit ist die Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstverteidigung — die bewaffnete Neutralität. Nur so stellt die Schweiz sicher, dass sie kein sicherheitspolitisches Vakuum bildet, das wiederum auch die anderen gefährden würde.

Sinn und Nutzen — auch für Dritte

In diesen internationalen Rahmen eingefügt, hat sich die Neutralität historisch herausragend bewährt. Sie hat der Schweiz Frieden, Stabilität und Wohlstand gebracht und sie vor den Abgründen zweier Weltkriege bewahrt — nicht ohne innere und äussere Spannungen.

Als im Ersten Weltkrieg manche Romands nach Frankreich und manche Deutschschweizer zum Deutschen Kaiserreich neigten, musste der Schriftsteller Carl Spitteler an den «Schweizer Standpunkt» jenseits und über den Fronten erinnern. Die Wahrung der Neutralität im Zweiten Weltkrieg, als das Land von den Achsenmächten lebensbedrohlich umzingelt war, war ein Drahtseilakt existenziellen Ausmasses. Bei aller Kritik und allen Unterlassungen trug sie nicht nur dazu bei, dass die Schweiz als unabhängiger Staat überlebte — sie ermöglichte es ihr auch, Zehntausende Menschenleben und Flüchtlinge zu retten.

In einer Welt, die auf Konfrontationskurs ist und in der nach wie vor Machtpolitik dominiert, ist der Nutzen der Neutralität auch für Dritte offensichtlich. Als neutraler Kleinstaat ohne eigene grossmachtpolitische Ambitionen kann die Schweiz umso besser vermitteln, ihre Guten Dienste anbieten und eine Bühne für Gespräche sein, wenn sonst nur noch die Waffen sprechen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die persönliche Einstellung nicht mit der politisch-juristischen Neutralität des Landes verwechselt oder dieser gar übergeordnet wird.

Die Neutralität hilft der Schweiz — und sie hat das Potenzial, anderen zu helfen. Die historische Evidenz dafür ist so offenkundig, dass politische Gegenmittel wie die Neutralitätsinitiative ebenso willkommen sind wie das selbstkritische, demütige und dankbare Erinnern an die Errungenschaften der Schweizer Neutralität.

Quellen

  1. 1 Philipp Gut: «Ausverkauf der Schweizer Neutralität». Dr. Philipp Gut ist Journalist, Buchautor, Historiker und Inhaber der Gut Communications GmbH.
  2. 2 Edgar Bonjour: Geschichte der schweizerischen Neutralität. Sechsbändiges Standardwerk, Basel.
  3. 3 Vertrag von Paris vom 20. November 1815 sowie Schlussakte des Wiener Kongresses — Anerkennung der immerwährenden Neutralität.

Beitrag 02 · Neutralität und Völkerrecht

Wer schweigt, stimmt zu

Seit diesem Jahr gibt es eine Instanz, die es bisher nicht gab: den Neutralitätsrat, zwölf Völkerrechtler, Historiker, ehemalige Diplomaten und Militärexperten, die völkerrechtlich relevante Vorgänge wissenschaftlich aufarbeiten und daraus Empfehlungen an die Schweizer Regierung ableiten. Sein erster Bericht behandelt ein Prinzip, das kaum jemand mehr kennt und das gerade deshalb aufschlussreich ist: das Verbot der Heimtücke.

Der Neutralitätsrat

Zusammensetzung
Zwölf Völkerrechtler, Historiker, ehemalige Diplomaten und Militärexperten.
Entstehung
Im Schoss der Bewegung für Neutralität (bene.swiss) entstanden und von ihr logistisch betreut — unabhängig in der Sache, Entscheide im Konsens.
Auftrag
Periodische, wissenschaftlich fundierte Papiere zu völkerrechtlich relevanten Themen und aktuellen Ereignissen — mit Empfehlungen an die Schweizer Regierung.
Dauer
Auf Dauer angelegt, unabhängig vom Ausgang der Abstimmung über die Neutralitätsinitiative.

Für einen neutralen Kleinstaat ist das Völkerrecht keine Frage der Gesinnung, sondern die Voraussetzung seiner Existenz. Der neu gegründete Neutralitätsrat legt mit «Das Verbot der Heimtücke» seinen ersten Bericht vor — über Angriffe während laufender Friedensverhandlungen und darüber, was die Schweiz dazu sagen müsste.

Neutralität verlangt, in einem bewaffneten Konflikt keine Partei zu ergreifen; sie verlangt nicht, zur Verletzung eben jener Normen zu schweigen, auf denen die eigene Unverletzlichkeit beruht. Denn wer schweigt, stimmt zu.

Beitrag 03 · Medien und Neutralität

Ein Weltblatt bricht mit der eigenen Tradition

Der Historiker und Journalist Philipp Gut vergleicht in der Weltwoche, was die Neue Zürcher Zeitung heute über die Neutralität schreibt, mit dem, was ihre eigenen Chefredaktoren während zweier Weltkriege vertraten. Der Befund ist unbequem: Wo die NZZ die Neutralität einst als «uneingeschränkt, absolut» verteidigte, gilt sie heute als Mitläufertum — begründet wird die Kehrtwende nirgends.

«Putin-Initiative», «Claqueure einer Diktatur»: Der Ton der NZZ im Abstimmungskampf steht quer zu ihrer eigenen Geschichte. Philipp Gut legt in der Weltwoche die Leitartikel von Willy Bretscher neben die heutige Blattlinie — und fragt, warum heute falsch sein soll, was über Jahrhunderte richtig war.

Quelle: Philipp Gut: «NZZ und Neutralität — Ballade eines Schweizer Weltblatts, das sich selbst abhandenkam», Die Weltwoche Nr. 35.26, 27. August 2026, Seiten 18–21. Zusammenfassung und Einordnung durch die Redaktion.

Beitrag 04 · Rede

Brücken bauen statt Gräben ziehen

Für Jacques Baud ist Neutralität weit mehr als die Frage, ob sich die Schweiz an Sanktionen gegen Russland beteiligt. Sie ist für ihn die Grundlage jener Glaubwürdigkeit, die dem Land über Jahrzehnte eine besondere Rolle in internationalen Konflikten ermöglicht hat. Seine Rede vom Bundesplatz ist hier als Aufzeichnung abrufbar.

Aufzeichnung Jacques Baud über die Neutralität der Schweiz Auf YouTube ansehen ↗ Die Wiedergabe öffnet sich auf YouTube in einem neuen Fenster — auf dieser Seite wird nichts von YouTube geladen.

Rede von Jacques Baud vom 29. August 2026 auf dem Bundesplatz in Bern.

Die Wiedergabe setzt bei 1:25 mit dem Anfang der Rede ein, die bei 13:40 endet; die vollständige Aufzeichnung ist auf YouTube abrufbar.

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Beitrag 05 · Buchbesprechung

Der Beitritt, der nicht nötig wäre

Rafael Lutz beschreibt in «Das NATO-Netzwerk in der Schweiz» nicht einen bevorstehenden Beitritt, sondern etwas Unauffälligeres: eine schrittweise Verflechtung mit westlichen Sicherheitsstrukturen, die die Neutralität formal bestehen lässt und ihr zugleich die Substanz entzieht. Was daraus folgt, ist weniger eine militärische als eine demokratische Frage.

Partnerschaft für den Frieden, Interoperabilität, F-35, Denkfabriken, Sicherheitsstrategie 2026: Rafael Lutz legt die Einzelschritte nebeneinander — und fragt, wer über die Gesamtrichtung je abgestimmt hat. Wir besprechen das Buch und ordnen seine These ein.

Rafael Lutz: «Das NATO-Netzwerk in der Schweiz — Wer die Neutralität globalen Machtinteressen opfert», Edition Zeitpunkt, 2026, 128 Seiten, ISBN 978-3-907263-32-7 (edition.zeitpunkt.ch). Besprechung und Einordnung durch die Redaktion.

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Leitfragen des Themenfelds

  • Was verlangt das Neutralitätsrecht, was ist Neutralitätspolitik?
  • Wie wirken Sanktionen, Kooperationen und Rüstungsexporte auf diesen Status?
  • Welche Rolle bleibt der Schweiz als Ort der Guten Dienste?