Der Ausnahmezustand hat eine Scharnierfunktion: Durch ihn lässt sich das bestehende System in eine Art Narkosezustand versetzen. Er lockt mit dem Anreiz nahezu unbegrenzter Macht. Was folgt, ist nicht Anarchie, sondern die «politische Entscheidung», die sich selbst verpflichtet, das Richtige und Notwendige zu tun, um die Ordnung zu bewahren.
In der Politik scheint es Themen erster und zweiter Ordnung zu geben. Themen zweiter Ordnung werden nach politischem Tauziehen entschieden, in den Kanälen des Rechts und im Kleid eines festen Prozederes: debattiert, verhandelt, nach Alternativen und Kompromissen gesucht, am Ende abgestimmt. Der normale demokratische Prozess eben.
Themen erster Ordnung sind jene, die von solcher Wichtigkeit sind, dass im Vornherein ein festes Ergebnis gesetzt ist — und der normale politische Prozess ein Risiko wäre, weil er eine Abweichung von diesem Ergebnis zur Folge haben könnte. Hier wird das Gebiet des Politischen, also des nach Alternativen suchenden Prozesses, verlassen.
Das Mittel der Wahl, um Themen erster Ordnung durchzubekommen, ist der Ausnahmezustand. Er entweiht den demokratischen Prozess, zumindest würdigt er ihn herab. Denn dieser existiert ja, um aus Rede und Gegenrede, These und Antithese, aus Versuch und Irrtum eine sachlich bessere Entscheidung zu erzeugen, als ein einzelner Akteur kraft seines begrenzten Wissens je könnte. Der Ausnahmezustand zerschlägt die bisherige Form und begründet die neue mit Notwendigkeit und Dringlichkeit.
Das ist eine paradoxe Blindstelle moderner Verfassungen: Je wichtiger eine Entscheidung, desto undemokratischer ist sie zu fällen. Und das gilt selbst dann, wenn die behauptete Dringlichkeit nur ein Vorwand ist — denn auch demokratische Prozesse könnten im Notfall schnell ablaufen.