Quo vadis Schweiz
Themen

Meinungsfreiheit

Eine direkte Demokratie lebt davon, dass auch unbequeme Positionen gehört werden. Wo die Grenze zwischen Schutz und Einschränkung verläuft, ist eine der zentralen Auseinandersetzungen unserer Zeit.

Beitrag 01

Medien und Panikmache — wie öffentliche Meinung gemacht wird

Wenn die vierte Gewalt zum Verstärker wird, endet der offene Diskurs — nicht durch Verbot, sondern durch Angst.

Nach der Darstellung des Schweizerischen Vereins WIR, «Covid-Fakten-Check Schweiz», Buch 3 · 3 Min. Lesezeit

Kurzfassung

Der Beitrag untersucht, wie politische Kommunikation und Medienberichterstattung während der Coronakrise zusammenwirkten. Er beschreibt Kampagnen, die weniger informierten als Verhalten steuerten, eine einseitige Auswahl von Fachleuten in Sendungen und Berichten, sowie Strategiepapiere, in denen Angst ausdrücklich als Mittel zur Verhaltensänderung beschrieben wird. Für das Themenfeld Meinungsfreiheit ist dabei nicht in erster Linie die medizinische Frage entscheidend, sondern die staatsbürgerliche: Was geschieht mit einer Demokratie, wenn abweichende Stimmen nicht widerlegt, sondern etikettiert werden?

Der Text zu diesem Kapitel

Worum es in dem Text geht, auf dem die folgende Darstellung beruht:

  1. Panikmache als Strategie — die Rolle von Politik und Medien

    Schweizerischer Verein WIR, «Covid-Fakten-Check Schweiz», Buch 3 · PDF

    Der Text, auf dem dieser Beitrag beruht. Er verfolgt die Kommunikation der Pandemiejahre Schritt für Schritt: Formeln, die wissenschaftlich klangen und als Kommunikationsformel entstanden, Kampagnen mit emotionalen Bildern, die tägliche Präsentation von Fallzahlen ohne Kontext — und Strategiepapiere, in denen die Wirkung von Angst offen benannt wird. Wer die Belege und Zitate im Zusammenhang lesen will, findet sie dort.

Ein Narrativ, das wissenschaftlich klingt

Der Beitrag setzt bei der politischen Kommunikation an. Ein Begriff wie «flatten the curve» habe wissenschaftlich geklungen, sei aber vor allem als Kommunikationsformel entstanden. Der deutsche Soziologe Heinz Bude, Mitautor eines Strategiepapiers, räumte später ein, man habe ein Narrativ gebraucht, das wissenschaftlich klinge, um die Bevölkerung mitzunehmen.

Der Beitrag verweist auf Widersprüche zwischen interner Einschätzung und öffentlicher Kommunikation: Noch im Februar 2020 sei intern festgehalten worden, das Virus werde nicht so leicht übertragen wie die Grippe — vorbereitet wurden gleichwohl Lockdowns und Schulschliessungen. Auch die Haltung zu Masken kehrte sich innerhalb weniger Monate um, ohne dass der Wechsel erklärt worden wäre.

Kampagnen, die nicht informieren, sondern steuern

Die staatlichen Informationskampagnen werden im Beitrag als Beispiel psychologischer Beeinflussung beschrieben. Slogans hätten einen Schutz Dritter versprochen, der so später nicht mehr aufrechterhalten wurde; emotionale Bilder — Kinder, die ihre Grosseltern wieder umarmen — hätten eine Sicherheit suggeriert, die das Produkt nicht bieten konnte.

Ähnlich funktionierten Appelle mit Bildern überfüllter Intensivstationen. Ein Teil dieser Bilder stammte gar nicht aus der Schweiz. Die Botschaft, so der Beitrag, sei dennoch unmissverständlich gewesen: Wer sich nicht an die Regeln hält, gefährdet andere.

Vom Wächter zum Verstärker

Der schärfste Vorwurf gilt den Massenmedien. Täglich seien Fallzahlen ohne Kontext präsentiert worden — Sterblichkeits- und Genesungsraten dagegen kaum. In Sendungen und Berichten seien fast ausschliesslich Befürworter der Massnahmen zu Wort gekommen, während bekannte Kritiker als «Verschwörungstheoretiker» eingeordnet wurden, ohne dass ihre Argumente geprüft worden wären.

Thematisiert wird auch die enge Abstimmung zwischen Medienhäusern und Behörden. Offiziell ging es um einen gemeinsamen Kampf gegen Desinformation; in der Wirkung, so der Beitrag, führte sie dazu, dass abweichende Positionen systematisch weniger sichtbar wurden.

Meinungsfreiheit wird selten durch ein Verbot eingeschränkt. Sie erodiert dort, wo eine Aussage nicht mehr widerlegt, sondern nur noch einem Lager zugeordnet wird.

Angst als beschriebene Methode

Der Beitrag stützt sich auf Strategiepapiere, in denen die Wirkung von Angst offen benannt wird — etwa die Angst vor dem Ersticken oder die Vorstellung, Kinder könnten Eltern und Grosseltern anstecken. Solche Formulierungen zielten nicht auf Abwägung, sondern auf Verhaltensanpassung.

Damit verschiebt sich die Rolle staatlicher Kommunikation: Nicht mehr die Bürgerin und der Bürger wägen ab, sondern eine Botschaft soll eine Reaktion auslösen. Genau an diesem Punkt berührt die Frage der Kommunikation die Grundrechte.

  • Wer entscheidet, welche Aussage als Desinformation gilt — und nach welchem Verfahren?
  • Darf der Staat mit Emotionen arbeiten, wenn er zugleich über Grundrechtseingriffe entscheidet?
  • Was bleibt von der Kontrollfunktion der Medien, wenn Redaktionen und Behörden gemeinsam kommunizieren?

Beitrag 02

Die dunkle Seite der Wikipedia

Wo alle nachschlagen, entscheidet eine sehr kleine Zahl von Bearbeitern, was als gesichert gilt.

Nach der Dokumentation von Markus Fiedler und Frank Michael Speer, 2015 · 2 Min. Lesezeit

Kurzfassung

Die Dokumentation untersucht, wie einzelne Artikel der Online-Enzyklopädie zustande kommen. Am Beispiel des Artikels über den Historiker Daniele Ganser legen die Autoren dar, dass in politisch aufgeladenen Themenfeldern eine sachliche Bearbeitung faktisch verunmöglicht werde: durch falsch oder sinnentstellend wiedergegebene Zitate, durch selektive Auswahl negativer Quellen, durch die Zulassung meinungsstarker Zeitungsartikel als Beleg und durch eine gezielt enge Auslegung der eigenen Regeln. Für das Themenfeld Meinungsfreiheit ist der Befund unabhängig vom Einzelfall relevant — er betrifft die Frage, wie Reputation im digitalen Raum entsteht und wie schwer sie zu korrigieren ist.

Der Text zu diesem Kapitel

Worum es in dem Text geht, auf dem die folgende Darstellung beruht:

  1. Die dunkle Seite der Wikipedia — Skript zum Film

    Markus Fiedler und Frank Michael Speer, 2015 · vollständiges Skript · PDF

    Das vollständige Skript zur Dokumentation und damit der Text hinter diesem Kapitel. Die Autoren rekonstruieren die Entstehung eines einzelnen Artikels Bearbeitung für Bearbeitung und zeigen, wie verkürzte Zitate, eine selektive Quellenwahl und eine je nach Bearbeitungsrichtung unterschiedlich strenge Regelauslegung ein Bild erzeugen, das mit den zugrunde liegenden Quellen nur noch teilweise übereinstimmt.

Warum ausgerechnet ein Lexikonartikel

Wikipedia ist für Millionen Menschen der erste Treffer und die erste Antwort. Wer dort beschrieben wird, wird meist so beschrieben gelesen — von Journalistinnen, Veranstaltern, Arbeitgebern und Suchmaschinen. Ein Artikel ist damit kein neutraler Eintrag, sondern eine öffentliche Beurteilung mit realen Folgen.

Die Autoren wählen deshalb einen einzelnen Artikel und rekonstruieren dessen Entstehung Bearbeitung für Bearbeitung. Der Wert der Untersuchung liegt in dieser Methode: Die Versionsgeschichte ist öffentlich, jeder Schritt lässt sich nachvollziehen.

Die beschriebenen Methoden

Die Dokumentation ordnet die Eingriffe in wiederkehrende Muster. Sie sind einzeln unauffällig — in der Summe erzeugen sie ein Bild, das mit den zugrunde liegenden Quellen nur noch teilweise übereinstimmt.

  • Zitate, die verkürzt oder in ihrem Sinn verändert wiedergegeben werden.
  • Eine Quellenauswahl, die überwiegend negative Beurteilungen einbezieht.
  • Meinungsstarke Zeitungsbeiträge, die als sachliche Belege behandelt werden.
  • Eine Auslegung der eigenen Regeln, die je nach Bearbeitungsrichtung unterschiedlich streng ausfällt.
  • Sprachliche Verknüpfungen, die im Subtext eine Nähe zu problematischen Positionen nahelegen, ohne sie zu belegen.

Nach Darstellung der Autoren entsteht so ein Rufschaden, der sich mit den Mitteln der Plattform selbst kaum korrigieren lässt.

Wenige Bearbeiter, grosse Wirkung

Die Dokumentation beschreibt, dass sich in einzelnen politisch relevanten Themenfeldern kleine Gruppen von Bearbeitern und Administratoren bilden, die den Ton eines Artikels über Jahre bestimmen. Wer gegen diese Gruppe schreibt, wird auf Formfehler verwiesen, revertiert oder gesperrt.

Auffällig sei zudem, wie wenig darüber berichtet werde: In der breiten Medienberichterstattung erscheine die Enzyklopädie überwiegend wohlwollend; thematisiert würden Manipulationsversuche von aussen, kaum aber die Binnenstrukturen der Autorenschaft.

Was daraus für die Meinungsfreiheit folgt

Der Einzelfall ist austauschbar — der Mechanismus nicht. Meinungsfreiheit setzt voraus, dass eine Position bestritten, überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden kann. Wo eine Zuschreibung dauerhaft festgeschrieben wird und praktisch keine Korrekturinstanz existiert, wird die Debatte nicht verboten, sondern vorentschieden.

Deshalb sind Transparenz über Bearbeitungen, überprüfbare Belege und ein zugängliches Korrekturverfahren keine technischen Details, sondern Bedingungen eines offenen Diskurses.

Nachschlagewerke bilden Wissen nicht nur ab — sie stellen es her. Wer sie liest, sollte wissen, wer sie schreibt.

Quellen

  1. 1 Markus Fiedler und Frank Michael Speer: «Die dunkle Seite der Wikipedia» — Dokumentation, 2015; vollständiges Skript zum Film.
  2. 2 Wikipedia: Versionsgeschichte und Diskussionsseite des untersuchten Artikels — öffentlich einsehbar und damit nachprüfbar.

Beitrag 03

John F. Kennedy vor den Zeitungsverlegern — «Der Präsident und die Presse»

Ein Präsident bittet die Presse nicht um Zustimmung, sondern um Wachsamkeit — und nennt die Geheimhaltung selbst eine Gefahr für die offene Gesellschaft.

Rede vom 27. April 1961 im Waldorf-Astoria Hotel, New York, im Wortlaut (englisch und deutsch), mit einem Kommentar · 4 Min. Lesezeit

Kurzfassung

Drei Monate nach seinem Amtsantritt sprach Präsident John F. Kennedy am 27. April 1961 vor der American Newspaper Publishers Association über das Verhältnis von Regierung und Presse. Er warnte davor, dass ein erklärter Bedarf an mehr Sicherheit von jenen aufgegriffen werde, die ihn bis zur amtlichen Zensur ausweiten wollen, und hielt ausdrücklich fest, dass niemand in seiner Verwaltung seine Worte als Rechtfertigung dafür verstehen dürfe, Nachrichten zu zensieren, Widerspruch zu unterdrücken oder Fehler zu vertuschen. Gleichzeitig bat er die Verleger, ihre eigenen Massstäbe zu prüfen. Für das Themenfeld Meinungsfreiheit ist die Rede ein historischer Prüfstein: Sie zeigt das Spannungsfeld zwischen Sicherheitsinteresse und Öffentlichkeit an einem Punkt, an dem beide Seiten offen benannt wurden.

Der Text zu diesem Kapitel

Worum es in dem Text geht, auf dem die folgende Darstellung beruht:

  1. Rede «Der Präsident und die Presse» — englischer Wortlaut und deutsche Übersetzung

    John F. Kennedy, 27. April 1961; Textfassung nach jfklibrary.org, mit angefügtem Kommentar · PDF

    Der Text hinter diesem Beitrag. Zuerst der englische Wortlaut der Rede in Auszügen, danach dieselben Passagen in deutscher Übersetzung — Kennedys Ausgangspunkt, seine Ablehnung der Geheimhaltung, seine Bitte an die Verleger und der Schlusssatz über den Menschen, der frei und unabhängig sein soll. Am Ende folgt ein Kommentar, der die Rede einordnet und deutet; er ist nicht Teil der Rede und stammt nicht von Kennedy.

Zwei Forderungen, die sich zu widersprechen scheinen

Kennedy beginnt nicht mit einer Belehrung der Presse, sondern mit einer gemeinsamen Verantwortung. Die Lage, so seine Ausgangsthese, stelle an die Gesellschaft zwei Anforderungen, die den Präsidenten und die Presse gleichermassen betreffen und im Ton fast gegensätzlich klingen: die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit weit mehr zu informieren — und die Notwendigkeit von weit mehr dienstlicher Verschwiegenheit.

Der Reiz der Rede liegt darin, dass Kennedy diesen Widerspruch nicht auflöst, sondern aushält. Beide Anforderungen müssten in Einklang gebracht und erfüllt werden. Damit ist der Konflikt benannt, der bis heute jede Debatte über Amtsgeheimnis, Sicherheitsinteresse und Informationsfreiheit prägt.

Geheimhaltung als Widerspruch zur offenen Gesellschaft

Deutlich wird Kennedy dort, wo er über Geheimhaltung spricht. Schon das Wort stehe im Widerspruch zu einer freien und offenen Gesellschaft; als Volk sei man historisch ablehnend gegenüber Geheimgesellschaften, geheimen Eiden und geheimen Verfahren. Man habe vor langer Zeit entschieden, dass die Gefahren einer übermässigen Geheimhaltung relevanter Tatsachen jene Gefahren überwiegen, mit denen sie begründet werde.

Auch heute habe es wenig Wert, gegen eine verschlossene Gesellschaft anzugehen, indem man deren Beschränkungen nachahme — und wenig Wert, das Überleben der Nation zu sichern, wenn ihre überlieferten Grundsätze nicht mit ihr überleben. Es bestehe die ernste Gefahr, dass ein erklärter Bedarf an mehr Sicherheit von jenen aufgegriffen werde, die ihn bis zur amtlichen Zensur ausweiten wollen. Dazu Kennedys knappe Ansage: «Das beabsichtige ich nicht zuzulassen, soweit es in meiner Hand liegt.»

Keine Amtsperson seiner Verwaltung, so Kennedy, dürfe seine Worte als Rechtfertigung dafür lesen, Nachrichten zu zensieren, Widerspruch zu unterdrücken, Fehler zu vertuschen oder der Öffentlichkeit Fakten vorzuenthalten, auf die sie einen Anspruch hat.

Die Bitte an die Verleger

Zugleich verlangt Kennedy etwas von der Presse. Er bittet jeden Herausgeber, jeden Redakteur und jeden Journalisten, die eigenen Massstäbe zu überprüfen und die Art der Gefahr zu erkennen. Er verweist darauf, dass Regierung und Presse in Kriegszeiten üblicherweise aus Selbstdisziplin zusammengehalten hätten — obwohl kein Krieg erklärt sei und vielleicht nie in der traditionellen Art erklärt werde.

Ausdrücklich verlangt er keine Unterstützung seiner Regierung. Er erbittet Hilfe bei der Aufgabe, das Volk zu informieren und zu alarmieren, weil er volles Vertrauen in die Reaktion der Bürger habe, sobald diese umfassend informiert seien. Die Rede endet in der Zuversicht, dass der Mensch mit dieser Hilfe sein werde, wozu er geboren wurde: frei und unabhängig.

Der angefügte Kommentar — Deutung, nicht Rede

Dem Wortlaut folgt im Dokument ein Kommentar, der nicht von Kennedy stammt und im Dokument keinem Verfasser zugeordnet ist. Er argumentiert, Kennedys Appell an die Solidarität der Medienvertreter sei zu spät gekommen, und stellt einen Zusammenhang zwischen dieser Rede und dem Attentat vom 22. November 1963 her. Weiter deutet er Kennedys Politik — Verständigung mit der Sowjetunion, Zurückhaltung in Vietnam, Fragen der Währungs- und Notenbankhoheit — als eigentlichen Konfliktpunkt und zieht Linien bis in die Gegenwart.

Diese Passagen gehen über den belegten Redetext hinaus und enthalten weitreichende Zuschreibungen, für die das Dokument selbst keine Belege anführt. Wir geben sie hier als Deutung des Kommentars wieder, nicht als gesicherten Befund — die Rede selbst ist über die zitierte Quelle nachprüfbar, der Kommentar ist eine Interpretation, die man teilen oder bestreiten kann.

  • Wo endet berechtigte Verschwiegenheit des Staates — und wo beginnt Zensur?
  • Was wäre heute die Entsprechung zu Kennedys Bitte, die eigenen Massstäbe zu überprüfen?
  • Wie unterscheidet man beim Lesen zwischen dem belegten Wortlaut einer Quelle und der Deutung, die ihr beigefügt ist?

Ein Dokument gewinnt an Wert, wenn Wortlaut und Auslegung getrennt bleiben. Genau diese Trennung ist eine Bedingung des offenen Diskurses.

Quellen

  1. 1 John F. Kennedy: Address before the American Newspaper Publishers Association, Waldorf-Astoria Hotel, New York City, 27. April 1961 — Wortlaut beim John F. Kennedy Presidential Library and Museum.
  2. 2 Deutsche Übersetzung und Kommentar gemäss der hier hinterlegten Textfassung; der Kommentar ist nicht Teil der Rede und im Dokument keinem Verfasser zugeordnet.

Beitrag 04

Die gecancelte Freiheit

Cancel Culture geht von den Leitmedien aus sowie vom Staat — ein Wahrheitsministerium braucht es dafür nicht.

Nach dem Beitrag von Prof. Dr. Michael Meyen, Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Ludwig-Maximilians-Universität München · erschienen im Mai 2024 in der Schrift «Werte Schweiz» · 9 Min. Lesezeit

Kurzfassung

Das Recht, seine Meinung zu äussern, hat zwei Facetten: Jeder kann sagen, was er denkt — und alles sehen, was er will. Das Internet wäre für beides der perfekte Ort, wenn die Definitionsmacht der Regierungen es nicht bedrohte. Meyen, in der DDR aufgewachsen und dort mit Denk-, Sprech- und Schreibverboten konfrontiert, die nirgendwo standen und trotzdem den Redaktionsalltag prägten, vergleicht diese Erfahrung mit der Gegenwart. Er zeigt, wie Regierungen und Digitalkonzerne zusammenwirken, wie Steuergeld in Kommunikation fliesst und wie abweichende Positionen nicht verboten, sondern unsichtbar gemacht werden. Für das Themenfeld Meinungsfreiheit ist entscheidend: Zensur zeigt sich hier nicht als Verbot, sondern als Entzug von Reichweite, Zugang und wirtschaftlicher Grundlage.

Der Text zu diesem Kapitel

Worum es in dem Text geht, auf dem die folgende Darstellung beruht:

  1. Die gecancelte Freiheit

    Prof. Dr. Michael Meyen, LMU München · erschienen im Mai 2024 in der Schrift «Werte Schweiz»

    Propaganda und Zensur sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

    Der Beitrag, auf dem dieses Kapitel beruht. Er verbindet die biografische Perspektive eines Ostdeutschen, der in der DDR Sportreporter werden wollte, mit der Empirie der Kommunikationsforschung: Umfragedaten zur wahrgenommenen Redefreiheit, Studien zu Menschen, die sich den Nachrichtenmedien verweigern, und die Rolle der Leitmedien als Gedächtnis der Gesellschaft. Daraus entwickelt er seine These, dass Zensur heute von den Leitmedien und vom Staat ausgeht — gestützt auf ein Geflecht aus Behörden, Plattformen, Faktenprüfern und staatlich finanzierten Organisationen.

Zwei Facetten — und ein ostdeutscher Bewertungsmassstab

Meyen legt seinen Ausgangspunkt offen: Er ist Medienforscher, nicht Jurist oder Verfassungsspezialist, und er ist kein Schweizer, sondern Deutscher — Ostdeutscher. Beides prägt seinen Blick. Er wollte in der DDR Sportreporter werden und hat als junger Mann unter Denk-, Sprech- und Schreibverboten gelitten, die nirgendwo standen, aber trotzdem den Alltag in den Redaktionen prägten. Ganz oben bei den Tabus: alles, was der Westen für sich nutzen konnte.

Den Umbruch 1989/90 erlebte er als Versprechen, verdichtet auf eine Formel: publizistische Vielfalt. Fortan sollte es möglich sein, über all die unterschiedlichen Meinungen und Interessen zu diskutieren, die es in einer Gesellschaft gibt. Man werde sich nicht immer einigen können — sich aber selbst ein Bild machen, weil die Informationen und die wichtigsten Interpretationen für jeden zur Verfügung stehen.

Sein Bewertungsmassstab lautet entsprechend: alles auf den Tisch — und zwar dorthin, wo es jeder sehen kann. Auf dem Papier beschreibt dieser Satz die Wirklichkeit: Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes, Artikel 16 der Schweizerischen Bundesverfassung, Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Was die Zahlen sagen

Jenseits dieser Texte wachsen die Zweifel. 2023 hatten laut der Allensbach-Langzeitstudie nur 40 Prozent der Deutschen über 16 «das Gefühl», ihre politische Meinung frei sagen zu können — ein Wert, der bis in die frühen Nullerjahre stabil über 70 Prozent lag.

Aufschlussreich ist die Verteilung. Wer Abitur und Hochschulabschluss hat, oft verbunden mit der Aussicht auf einen Job in Bildung, Kultur, Medien oder einer Behörde, glaubt deutlich eher, frei reden zu können: 51 Prozent, gegenüber 28 Prozent bei Volks- und Hauptschulabschluss. Von den Anhängern der Grünen sagen dies sogar 75 Prozent. Meyens Lesart: Die eigene Position im System verstellt den Blick auf die Cancel Culture.

In der Schweiz seien Werte und Verteilung auf die politischen Lager ganz ähnlich. Hier zeigt sich zugleich der Link zum Journalismus: Eine Studie der Universität Zürich von 2022 kommt zum Ergebnis, dass sich 38,5 Prozent der Erwachsenen den Nachrichtenmedien verweigern. Diese Menschen sind nicht offline, sondern im Netz, oft mit zwei Geräten gleichzeitig. Die Forschenden nennen sie «News-Deprivierte» und sehen in der «Unterversorgung mit News» ein «gesamtgesellschaftliches Problem» — unter anderem, weil Mediennutzer eher wählen gehen und der Regierung stärker vertrauen. Als die Schweiz im Februar 2022 über die staatliche Förderung von Medienkonzernen abstimmte, waren die «News-Deprivierten» am stärksten dagegen.

Genau dort, wo sich Menschen den Leitmedien entziehen, setzt nach Meyen die Zensur an — nicht am gedruckten Wort, sondern an der Sichtbarkeit im Netz.

Definitionsmacht, Leitmedien und Zensur

Jede Regierung möchte lenken und kontrollieren, was öffentlich über sie und über die Wirklichkeit im Land gesagt wird. Im Internetzeitalter funktioniert das nur in Kooperation mit den Digitalkonzernen. Diese Ehe wurzelt im Wissen, dass Handlungsspielraum von öffentlicher Zustimmung und Legitimation abhängt. «Herrschaftsverhältnisse» sind heute mehr denn je «Definitionsverhältnisse» (Ulrich Beck): Macht hat, wem es gelingt, seine Interpretation der Wirklichkeit in der Öffentlichkeit zu platzieren.

Zentral sind dabei die Leitmedien. Dort entsteht das «Gedächtnis» der Gesellschaft (Niklas Luhmann) — das, worauf wir bei jeder Begegnung zugreifen können, ohne uns ins Abseits zu stellen. Tagesschau, Süddeutsche Zeitung oder NZZ werden aus zwei Gründen genutzt: Menschen wollen wissen, wer gerade die Macht hat — und was die anderen wissen, also was man öffentlich sagen kann, ohne sich zu isolieren. Was Kanäle jenseits der Leitmedien an Tatsachen und Perspektiven liefern, kann von Entscheidern in Behörden, Unternehmen oder Gerichten ignoriert werden, solange es die Leitmedien nicht erreicht.

Zur Lenkungsabsicht gehört nach Meyen fast zwangsläufig der Wunsch, Positionen zu unterdrücken oder in ihrer Reichweite einzuschränken, die das herrschende Narrativ in Frage stellen und viele Menschen erreichen könnten. Propaganda und Zensur seien deshalb zwei Seiten der gleichen Medaille: Wer seine Sicht durchsetzen will, muss die Konkurrenz bekämpfen.

Der Satz «Eine Zensur findet nicht statt» stimme nur noch, wenn man nach einer Behörde sucht, die Texte prüft und verbietet. Die Allianz von Staaten und Digitalkonzernen habe den gleichen Effekt: Der Digital Services Act der EU, 2022 beschlossen und voll in Kraft seit Februar 2024, perfektioniere und legalisiere die entstandene Überwachungsbürokratie. Die Schweiz bleibe davon nicht aussen vor, weil die EU-Gesetzgebung Inhalte auf englisch, deutsch, französisch und italienisch trifft — und damit sowohl die Quellen, aus denen man sich informiert, als auch die Möglichkeit, sich selbst zu äussern.

Der Schulterschluss von politischer und ökonomischer Macht war schon vorher öffentlich — nachzulesen etwa in den «Twitter Files» oder im «Verhaltenskodex gegen Desinformation», den EU und Digitalwirtschaft 2018 vereinbart und 2022 mit weiteren Unterzeichnern erneuert haben. Der Kodex verpflichtet die Plattformen, «abweichende Positionen» zu bekämpfen. Die Konzerne hätten daraufhin selbst eine Internetpolizei etabliert, zu der das International Fact-Checking Network, das US-Unternehmen NewsGuard und die Trusted News Initiative gehören — eine Art Who’s Who der westlichen Meinungsfabriken von den Nachrichtenagenturen über Rundfunkanstalten bis zu grossen Zeitungen und Digitalkonzernen.

Worauf man sich in diesen Gremien einigt, wird zu einer «Wahrheit», der sich alle beugen müssen, die in den Leitmedien arbeiten — weil Reichweite und Arbeitsweise jeder Redaktion inzwischen von der Plattformlogik bestimmt werden.

Propaganda mit Steuergeld

Der Digitalkonzernstaat brauche kein Wahrheitsministerium. Er bezahle Experten, die sich in seinem Sinne äussern, füttere die grossen Medienhäuser, damit sie das senden und Gegenstimmen weglassen, und halte sich ein Heer, das auf alle schiesst, die mahnen, zweifeln, meutern.

Meyen belegt das mit Schlaglichtern aus Deutschland: Das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung hat rund 500 Planstellen, einen Jahresetat von über 100 Millionen Euro und drei einstige Topjournalisten an der Spitze. Entsprechungen gibt es in jedem Ministerium, jeder Behörde, jeder Parteizentrale, bei jeder Landesregierung und bei jedem Politiker in der Nähe des Machtzentrums. Der Wechsel aus den Redaktionen in die Stäbe habe Methode: Die Politik kauft sich Know-how und Wohlwollen.

Dazu kommen über 500 Accounts, die die Bundesregierung betreibt, tausend Webseiten und ungezählte Imagefilme, Broschüren und Auftritte. Claudia Roth, in der Ampelregierung Staatsministerin für Kultur und Medien, verfügte 2023 über einen Etat von 2,39 Milliarden Euro; gefördert wurden aus diesem Topf vor allem Projekte auf Regierungslinie — nicht nur Anlässe für die Berichterstattung, sondern auch Personal, das sich entsprechend äussern kann und will. Analog gelte das für die vielen Beauftragten auf allen Verwaltungsebenen, die ihre Existenz durch Leitmedienpräsenz rechtfertigen müssen.

Mit dieser Beauftragtenarmee sei ein Arbeitsmarkt entstanden, der einen Teil der akademischen Überproduktion auffängt und für den anderen Teil so verlockend ist, dass es sich lohnt, an die offiziellen Narrative anzudocken. In Deutschland liegt die Hochschulquote inzwischen bei über 50 Prozent — 1960 lag diese Zahl im Westen bei sechs Prozent und noch Mitte der 1980er bei nicht einmal 20. Viele dieser Stellen sind befristet und damit an ein makelloses Digitalprofil gekoppelt.

Ähnliche Signale sende der NGO-Eisberg mit Organisationen, die Regierungsnarrative unterstützen — offen als Analyse der «Gegenmedien» oder als «Narrativ-Check», auch getarnt als Kampf gegen «Hate Speech» und «Fake News». Das Kürzel NGO sei dabei eine Tarnkappe, da der Staat oft wichtigster Geldgeber ist: Das Bundesprogramm «Demokratie leben!», eine der Dachinitiativen für entsprechende Ausgaben, kostete den Steuerzahler 2023 gut 182 Millionen Euro.

Kultur der Vernichtung

Themen und Moral würden von oben vorgegeben und mit dem unterfüttert, wonach sowohl Absolventen als auch Unternehmen jenseits von Kleinstbetrieben und Mittelstand suchen: Steuergeld — hier Forschungstöpfe, Stipendien, Stellen, dort Subventionen und Konjunkturpakete, flankiert von freundlichen Gesetzen. Im «umgekehrten Totalitarismus» (Sheldon Wolin) seien «der Staat» und «die Wirtschaft» keine Gegenspieler, sondern Partner. Öffentlich Haltung zu zeigen sei dabei oft deutlich billiger als ein ordentlicher Tarifvertrag.

Cancel Culture, so Meyens These, gehe von den Leitmedien aus sowie vom Staat. Wenn Regierungspolitiker von «unserer Demokratie» sprechen, sei das wörtlich zu nehmen; Formeln wie «Wirklichkeitsverleugnung», «absurde Verschwörungsgeschichten» oder «mutwillige Desinformation» seien Waffen und Gedächtnishilfen für all die kleinen Cancel-Kanzler in Redaktionen, NGOs und Warteschleifen. Wichtig sei, dass die gleichen Schlagworte zum Ausschluss von allen führen, denen ein Verstoss unterstellt werden kann.

Cancel Culture sei mehr als ein Abend, der gestrichen werden muss. Sie sei ein Programm, das Deutungshoheit sichert und damit Macht — und ein Kind der Digitallogik: eins und null und nichts dazwischen. Mit einer Kontaktschuldlogik würden Banken unter Druck gesetzt, die «falschen» Kunden bedienen, ebenso Saalvermieter, Buchherausgeber, Spendenportale, Firmenchefs, Unileitungen und Konzertveranstalter. Der Ablauf variiere nur wenig: Tweet, Anruf eines Journalisten, Distanzierung, Artikel, Wikipedia-Eintrag — und damit in jeder Suchmaschine weit oben.

Damit entzieht Cancel Culture dem Meinungskampf die wirtschaftliche Basis. Wer zählt, was gar nicht mehr gecancelt werden musste, weil Menschen geahnt haben, worauf sie sich einlassen? Wer fängt die Musiker, Schauspieler und Autoren auf, die niemand mehr bucht, besetzt, verlegt, weil sie Coronapolitik, Kriegstreiberei oder Klimahysterie öffentlich kritisiert haben? Der soziale Tod sei unblutiger als frühere Mittel und bringe manchmal sogar neue Fans — er ersetze aber weder Tantiemen noch Sprecherplätze. Wer dort steht, verliert den Zugang zu den Leitmedien, mit Folgen für das Gedächtnis der Gesellschaft.

  • Wer entscheidet, welche Position als «abweichend» gilt — und in welchem Verfahren wird das überprüft?
  • Was bedeutet Meinungsfreiheit, wenn nicht das Sagen verboten, sondern die Reichweite entzogen wird?
  • Wie unabhängig ist Kommunikation, die aus öffentlichen Mitteln finanziert wird?
  • Was folgt aus dem Befund, dass gerade jene sich frei fühlen, die vom System profitieren?

Meyens Vergleich zum Schluss: In der DDR war Zensur einfacher — dort wusste jeder, wem die Leitmedien gehören, und die Ideologie erlaubte den Zugriff auf alle anderen Arenen. Für Verbote und offene Zensur müsste man heute die Ideologie anpassen. Bis dahin wird gecancelt und weiter behauptet, dass wir Meinungsfreiheit haben.

Leseempfehlung

  • Michael Meyen: Cancel Culture. Wie Propaganda und Zensur Demokratie und Gesellschaft zerstören, Berlin: Hintergrund 2024
  • Michael Meyen: Wie ich meine Uni verlor. Dreissig Jahre Bildungskrieg. Bilanz eines Ostdeutschen, Berlin: edition ost 2023

Quellen

  1. 1 Michael Meyen: «Die gecancelte Freiheit». Erschienen im Mai 2024 in der Schrift «Werte Schweiz». Prof. Dr. Michael Meyen lehrt am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München.
  2. 2 Institut für Demoskopie Allensbach: Langzeiterhebung zur Frage, ob man seine politische Meinung frei sagen kann — Werte für 2023 und Vergleichswerte der frühen 2000er-Jahre, zitiert nach dem Beitrag.
  3. 3 Universität Zürich, Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög): Studie von 2022 zu «News-Deprivierten» in der Schweiz — 38,5 Prozent der Erwachsenen.
  4. 4 Verordnung (EU) 2022/2065 über einen Binnenmarkt für digitale Dienste (Digital Services Act), beschlossen 2022, voll anwendbar seit Februar 2024.
  5. 5 «Verhaltenskodex gegen Desinformation» zwischen EU-Kommission und Digitalwirtschaft, 2018 vereinbart und 2022 mit weiteren Unterzeichnern erneuert.
  6. 6 Angaben zum Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, zum Etat der Staatsministerin für Kultur und Medien 2023 und zum Bundesprogramm «Demokratie leben!» (2023) gemäss den im Beitrag genannten Zahlen.
  7. 7 Ulrich Beck zu «Definitionsverhältnissen», Niklas Luhmann zum «Gedächtnis» der Gesellschaft und Sheldon Wolin zum «umgekehrten Totalitarismus» — im Beitrag als begriffliche Bezugspunkte zitiert.

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Soziale Netzwerke massiv manipuliert! — Dr. Jonas Tögel im Gespräch mit Norbert Häring

Kanal: Dr. Jonas Tögel · veröffentlicht am 24.06.2026

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Dokument

Allgemeine Menschenrechte

Die Meinungsfreiheit gehört zu den grundlegenden Rechten, auf die sich jede Bürgerin und jeder Bürger berufen kann. Das Dokument liegt hier im Wortlaut zum Nachlesen bereit.

Leitfragen des Themenfelds

  • Welche Regeln gelten für öffentliche Rede, Plattformen und Werbung?
  • Wie verändern Moderationsvorgaben die öffentliche Debatte?
  • Wie lässt sich Desinformation bekämpfen, ohne den Diskurs zu verengen?