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Aktuelles · Medien und Neutralität

Ein Weltblatt bricht mit der eigenen Tradition

Der Historiker und Journalist Philipp Gut vergleicht in der Weltwoche, was die Neue Zürcher Zeitung heute über die Neutralität schreibt, mit dem, was ihre eigenen Chefredaktoren während zweier Weltkriege vertraten. Der Befund ist unbequem: Wo die NZZ die Neutralität einst als «uneingeschränkt, absolut» verteidigte, gilt sie heute als Mitläufertum — begründet wird die Kehrtwende nirgends.

Eine Zeitung darf ihre Meinung ändern. Interessant wird es dort, wo eine Redaktion eine Position aufgibt, die zu ihrem Selbstverständnis gehörte, und den Bruch weder benennt noch begründet. Genau das arbeitet Philipp Gut, Historiker und Journalist, in der aktuellen Weltwoche am Beispiel der Neuen Zürcher Zeitung heraus. Sein Vergleich ist einfach und deshalb wirksam: Er stellt die Artikel der heutigen NZZ-Redaktion zur Neutralität neben die Leitartikel ihrer Vorgänger — und lässt die Differenz für sich sprechen.

Der Ton des Abstimmungskampfs. Ausgangspunkt ist die Berichterstattung über die Neutralitätsinitiative, über die am 27. September abgestimmt wird. Gut hält fest, dass zwischen der Beurteilung durch Chefredaktor Eric Gujer und jener der SP kaum ein Unterschied auszumachen sei: Beide sprechen von einer «Putin-» oder «Blocher-Initiative». Der sozialdemokratische Politologe Wolf Linder bemerkte in einem offenen Brief an die Parteiführung, die SP habe diese Kampfbegriffe von der NZZ übernommen; das sei unter der Gürtellinie und mache weitere Argumente offenbar entbehrlich. In einem Leitartikel vom 15. August verlangte Gujer, Putin endlich klar als Feind zu benennen — im Wissen darum, dass die Benennung eines Feindes die Möglichkeit eines bewaffneten Konflikts einschliesst. Wer an der umfassenden Neutralität festhält, erscheint in dieser Optik als Appeasement-Politiker oder, wie Gut zusammenfasst, als «Claqueur einer Diktatur».

Die Kompassnadel zeigt nach Brüssel. Gut verbindet die Neutralitätskritik mit der europapolitischen Linie des Blattes. Er zitiert Gujers Rede an der Generalversammlung von 2024, in der dieser die Frage nach einem Nato-Beitritt und der Preisgabe der Neutralität in den Raum stellte; er zitiert den Redaktor Tobias Gafafer, für den das Verhältnis zur EU zu Unrecht schlechtgeredet werde und die Schweiz die Chancen des EU-Pakets nutzen müsse; und er zitiert Georg Häsler, der eine Annahme der SVP-Zuwanderungsinitiative als Vorentscheidung gegen die neuen EU-Verträge gelesen sehen will. Guts Schlussfolgerung ist knapp: Wer nach Brüssel will, muss die Neutralität wegräumen. Als besonderes Stück nennt er einen Kommentar der Inlandchefin Christina Neuhaus vom 25. August, der ausgerechnet die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee als Kronzeugin gegen die Initiative aufruft.

Was Bretscher schrieb. Den Gegenpol bildet Willy Bretscher, NZZ-Chefredaktor von 1933 bis 1967. In seinem Leitartikel «Die schweizerische Neutralität» vom 17. Oktober 1939 hielt er fest, die Neutralität der Schweiz sei uneingeschränkt und absolut; auf sie dürfe nicht der Schatten eines Zweifels fallen. Sie bedeute die bedingungslos gleiche Behandlung beider Kriegsparteien, militärisch abgesichert durch eine Armee, die das Land gegen jeden Angriff schützt. Bemerkenswert ist die Unterscheidung, die Gut hervorhebt: Bretscher verlangte keine Gesinnungsneutralität. Dass das Schweizervolk seine bestimmten Meinungen über den Krieg habe, berühre die Wahrung der Neutralität nicht. Wer der Aggressor war, war 1939 sonnenklar — trotzdem opferte Bretscher die Neutralitätsmaxime keinem Moralismus und wies jede willkürliche Ausweitung des Neutralitätsbegriffs als unstatthaft und gefährlich zurück.

Das «Martyrium der Neutralität». In einem Leitartikel vom 2. November 1942 beschrieb Bretscher das Unangenehme an dieser Haltung: Man könne es beim besten Willen keiner der Kriegsparteien recht machen. Die Vorwürfe, die er damals notierte, klingen vertraut — das Stillesitzen der Schweiz als nationaler Egoismus, die Drohung, den Abseitsstehenden werde ihre Haltung früher oder später heimgezahlt. Gut hält fest, dass genau dieses Narrativ heute nicht bloss von der NZZ, sondern von der politischen Elite des Landes vertreten wird. Die Neutralität, so die Pointe, misst sich nicht daran, wie man sich dabei fühlt, sondern daran, was sie bewirkt.

Wie ernst es die Redaktion früher meinte. Wie stark die neutralitätspolitische Blattlinie verankert war, zeigt Gut an zwei Episoden. 1834 verlor der deutsche Chefredaktor Gustav Kombst seine Stelle nach sechzehn Arbeitstagen, weil er die Schweizer Neutralität als leeres Wort abgetan hatte. 1952 wollte der Zürcher Historiker Marcel Beck in einer 1.-August-Rede Alternativen zur Neutralität — konkret einen Nato-Beitritt — zur Diskussion stellen und sandte den Text vorab an die Redaktion; Bretscher intervenierte beim Bildungsdirektor, die Passage wurde gestrichen. Schon im Ersten Weltkrieg galt die NZZ als das neutralste Medium des Kontinents, was ihr 1917 in der englischen Contemporary Review die Anerkennung einer kühlen Unparteilichkeit eintrug — und daheim den Vorwurf der Farblosigkeit.

Offene Fragen an die Chefredaktion. Gut wollte von Gujer wissen, weshalb aus seiner Sicht nicht mehr gilt, was Bretscher und andere so vehement vertreten haben. Bis Redaktionsschluss blieb die Antwort aus. Unbeantwortet blieb auch die Frage nach möglichen Interessenkonflikten: Gujer ist ehemaliges Präsidiumsmitglied der transatlantisch ausgerichteten Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, die laut Jahresbericht unter anderem vom deutschen Auswärtigen Amt, von der EU-Kommission, von der Nato, von Rüstungsunternehmen und von Stiftungen wie den Open Society Foundations finanziert wird. Ab dem kommenden Jahr soll Gujer die Deutschland-Aktivitäten der NZZ vorantreiben. Beim Sicherheitspolitik-Verantwortlichen Georg Häsler verweist Gut auf den von diesem gegründeten Bern Security Dialogue, der eine gemeinsame Sicherheitsstrategie für Europa und den Alpenraum anstrebt — für die bewaffnete Neutralität ist darin kein Platz vorgesehen.

Unsere Einordnung. Der Beitrag ist keine Medienschelte um ihrer selbst willen. Er trifft einen Punkt, der für die Abstimmung vom 27. September zentral ist: Eine Debatte, in der die Befürworter einer Verfassungsverankerung der Neutralität vorab als Handlanger Moskaus eingeordnet werden, ist keine Debatte mehr, sondern eine Zuweisung von Plätzen. Wer so argumentiert, muss sich zu den Sachfragen nicht mehr äussern — und genau das war Wolf Linders Einwand, der aus dem eigenen Lager der Urheber kam. Für eine Zeitung, die ihre Reputation über zwei Jahrhunderte mit Distanz zu allen Kriegsparteien aufgebaut hat, ist der Rollenwechsel bemerkenswert. Man kann die heutige Position vertreten; sie verlangt aber eine Begründung, warum das Argument von 1939 heute nicht mehr trägt. Diese Begründung steht bis jetzt aus. Für die Leserschaft heisst das: Sie muss die Positionen selber nebeneinanderlegen. Dafür stellen wir die Grundlagentexte, die Gegenargumente und die Quellen bereit — im Themenfeld Neutralität ebenso wie in unseren Einordnungen zur Abstimmung.

Quelle: Philipp Gut: «NZZ und Neutralität — Ballade eines Schweizer Weltblatts, das sich selbst abhandenkam», Die Weltwoche Nr. 35.26, 27. August 2026, Seiten 18–21. Zusammenfassung und Einordnung durch die Redaktion.

Originaltext

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Philipp Gut: «NZZ und Neutralität», Die Weltwoche Nr. 35.26 vom 27. August 2026, Seiten 18–21. Wiedergabe des vollständigen Originalbeitrags mit ausdrücklicher Einwilligung des Autors.